Sehr geehrter Herr Egl,
unsere BUND Naturschutz Ortsgruppe hat noch ein paar Detailfragen zu den bereits gefällten Bäumen in Neubiberg in der Hauptstraße.

  1. Wieviel lebendes ALB Material (Eier, Maden, Larven, Käfer) wurde gefunden? Antwort des AELF
  2. Wie viel totes ALB Material wurde gefunden? Antwort des AELF
  3. Wie alt war der Befall der einzelnen gefällten Bäume? Antwort des AELF
  4. Wieviel befallene Bäume waren ganz ohne ALB Material? Antwort des AELF
  5. Wieviel ALB Material diente als Nahrung für andere Tiere und wurde z. B. vom Specht, nicht ohne deutliche Spuren; aus dem Baum gepickt? Antwort des AELF
  6. Seitens JKI wird darauf hingewiesen, dass ALB geschädigte Bäume eine Gefahr darstellen. Wieviel Bäume waren so geschädigt, dass unmittelbare Gefahr ausging? Antwort des AELF
  7. Wie ist das Gefährdungspotenzial im Vergleich mit anderen Ursachen (z.B. Schneebruch, Sturmschäden)? Antwort des AELF
  8. Wieviel tote Bäume waren bei den befallenen, gefällten Bäume dabei? Antwort des AELF
  9. Werden auch gut zu kontrollierende, nachweislich gesunde, mögliche Wirtsbäume gefällt? Antwort des AELF
  10. Wieviel ALB Käfer würde die Natur vertragen, um nicht von einem ALB-Traum sprechen zu müssen? Neubiberg lebt seit mindestens 11 Jahren – völlig unauffällig - mit dem ALB, ohne dass auch nur ein einziger Baum abgestorben ist. Gibt es Forschungsgebiete, die in einer Wohnstruktur wie z.B. hier in Neubiberg ein Leben mit ALB erforscht wird? Antwort des AELF

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen zum ALB Befall in Neubiberg.
Mit freundlichen Grüßen

Asiatischer Laubholzbockkäfer zieht weite Kreise

Droht Kahlschlag im Englischen Garten?

Angenommen, beim Biergarten am Chinesischen Turm wird eine vom Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) befallene Kastanie gefunden. Die Folgen wären gravierend: Da die waldartige Parkanlage gemäß Bayerischem Waldgesetz als „Wald“ gilt, greift folgende Maßnahmenkette: Ausweisung einer Quarantänezone, Fällung der vom Käfer befallenen Bäume und Fällung aller befallsgefährdeten Bäume im Umkreis von 100 Meter innerhalb weniger Tage. Grundlage hierfür wäre eine Fällliste des Julius-Kühn-Institutes. Der Chinesische Turm stünde inmitten einer 200 Meter breiten Kahlfläche. Kaum ein Laubbaum würde von den Fällungen verschont. Kümmerliche 20 Bäume blieben laut Kartierung des BUND Naturschutz (BN) stehen. Und sobald außerhalb dieser Zone ein weiterer befallener Baum gefunden wird, gingen die Fällungen weiter. Angenommen, beim Biergarten am Chinesischen Turm wird eine vom Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) befallene Kastanie gefunden. Die Folgen wären gravierend.

„Diese Überlegungen sind kein Planspiel, sie können jederzeit Realität werden. Genau dieses Schreckens-Szenario ist 2012 in Teilen Feldkirchens und aktuell in Neubiberg eingetreten: Niemand kann ausschließen, dass der Käfer sich auch im Stadtbereich München ansiedelt oder schon angesiedelt hat. Laufend werden neue Käferlarven in befallenen Paletten eingeschleppt, wie Untersuchungen aus Österreich gezeigt haben“ sagt Christian Hierneis BN Vorsitzender in München.

„Die großflächigen Fällungen treffen uns ins Herz. Trotzdem tragen wir die Vorgehensweise der Behörden bisher mit“, so Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer des BN in München. „Andere Länder hatten mit dieser Ausrottungsstrategie Erfolg, so beispielsweise Österreich. Doch es muss dringend geklärt werden, ob der Käfer nicht schon längst bei uns etabliert ist. Außerdem muss die permanente Neueinschleppung sofort unterbunden werden. Ohne eine Lösung dieser beiden Probleme stellt sich die Frage, ob die bisherige Ausrottungsstrategie überhaupt sinnvoll ist.“

Auf sich alleine gestellt können die Kommunen dem ALB nicht Herr werden, es bedarf regions- und landesübergreifender Maßnahmen. Nur mit Unterstützung der Staats- und Bundesregierung können Neueinschleppungen des ALB unterbunden werden. Der BN fordert deshalb:

  1. Die Einfuhr von befallenem Verpackungsmaterial ist schnellstmöglich durch geeignete Maßnahmen zu unterbinden. Die bisherige Praxis ist unzureichend.
  2. Die zuständigen Behörden müssen sofort Klarheit über die Verbreitung des Käfers schaffen. Hierzu ist die Einrichtung einer entsprechenden „Einsatzgruppe ALB“ sowie eine angemessene finanzielle Ausstattung erforderlich. Hierzu bedarf es klarer politischer Vorgaben.

Gelingt es nicht, diese beiden wesentlichen Fragen zeitnah zu beantworten, sollten aus Sicht des BN die derzeitigen Baumfällungen beendet und nur noch tatsächlich befallene Bäume gefällt werden.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer stammt aus dem ostasiatischen Raum. Der ca. 4 cm große, schwarze Käfer mit schwarz-weiß geringelten Fühlern und gepunktetem Körper gelangt als blinder Passagier in Holzpaletten, die zum Transport von Natursteinen, wie z.B. Granit aus China dienen, nach Europa. Er befällt eine Vielzahl an Laubbaumarten und kann diese durch seine Fraßgänge schwer schädigen und sogar zum Absterben bringen. Er gilt aktuell als eine der gefährlichsten invasiven Arten und ist deshalb in der EU als Quarantäneschädling eingestuft. Holzpaletten aus verdächtigen Regionen Ostasiens müssen deshalb bereits im Herkunftsland gegen diesen Schädling behandelt werden. Untersuchungen aus Österreich zeigen jedoch, dass nach wie vor rund 8% der Sendungen mit verdächtigen Holzpaletten lebende Stadien des Käfers enthielten. Der neueste Befall aus der Nähe von Augsburg unterstreicht, dass mit weiteren Funden zu rechnen ist.

Bisher richtet sich das Vorgehen gegen den ALB danach, wo der Käfer gefunden wird:

  • Einzelbäume, Straßenbäume, Gärten etc.: Zuständig ist die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), gefällt werden derzeit i.d.R. 5 Baumarten (Weiden, Ahorn, Kastanie, Pappel, Birke), in Neubiberg zusätzlich Esche, Hainbuche, Vogelbeere.
  • Wald oder waldartiger Park (Art.2 BayWaldG): Zuständig ist das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), gefällt werden derzeit alle Laubbäume außer Eiche und Walnuss (Liste des Julius-Kühn-Institutes).

Der Einsatz von Giften (Neonicotinoide) verbietet sich aus Sicht des BN. Die Mittel sind hochtoxisch, u.a. giftig für Bienen, können das Grundwasser gefährden und sind in Deutschland nicht zugelassen.

„Wir bezahlen den Import von billigen Steinen möglicherweise mit dem Tod unserer heimischen Laubbäume, ob durch vorsorgliche Fällung oder durch Käferfraß. Letztlich ist also nicht der Käfer schuld an der Misere, sondern wir selbst. Hier liegt auch der Schlüssel zur Lösung“ so Hierneis abschließend.

 

Frage des BN:

Welche Möglichkeiten sehen Sie um eine Akzeptanz und Mithilfe der Bürger zu erreichen, wenn jeder Befallsverdacht derartige Radikalmaßnahmen nach sich zieht? Der überwiegende Teil der Bevölkerung empfindet die vorbeugende Fällung gesunder Bäume als völlig überzogene Panikaktion, die sofort gestoppt werden muss. Nach unseren Recherchen werden in der Schweiz und in Österreich nur befallene Bäume gefällt und im Umfeld engmaschig kontrolliert.

 

Antwort der LfL:

Die Grundlage für unsere Entscheidungen ist die Leitlinie zur ALB Bekämpfung vom JKI (http://pflanzengesundheit.jki.bund.de/dokumente/upload/e699f_ll-ano_ophora_glabripennis.pdf) sowie die dazugehörige Leitlinie der EPPO (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/epp.12064/abstract . Die Handlungsweise der LfL muss sich an diesen Leitlinien orientieren.

Im Sommer diesen Jahres ist unsere Vorgehensweise in Feldkirchen durch das Food and Veterinary Office der EU (http://ec.europa.eu/food/fvo/index_en.cfm) kontrolliert worden. Als ALB Spezialisten hat Frau Hoyer Tomiczek, BFW, Wien das EU Team fachlich beraten und begleitet. Unsere Maßnahmen – Fällen von Laubbäumen (Hauptwirtsbaumarten) im Umkreis von 100 m als ALB befallenen Bäumen wurde als zielführend bewertet. Bisherige erfolgreiche Ausrottung in Nordamerika als auch die wenigen erfolgreichen in Europa sind gekennzeichnet durch Fällungen von mindestens 100m im Umfeld von als befallenen erkannten Bäumen. Uns ist keine erfolgreiche Ausrottung eines ALB Befalls bekannt, bei der nur als befallenen erkannte ALB Bäume gefällt wurden.

Die Effizienz der ALB Suche liegt vom Boden aus mit geschultem Personal bei etwa 30 %, beim Einsatz geschulter Baumkletterer bei etwa 70 bis 80 %. Wir haben festgestellt, dass Befall bis in einem Astbereich von 3 cm möglich ist. Besonders im dünnen, äußeren Kronenbereich können Baumkletterer nicht arbeiten (fehlende Sicherungsmöglichkeit). Daher fällen wir nicht kerngesunde Bäume, sondern durch Ihre Nähe zu anderen befallenen Bäumen als befallsverdächtig einzustufende Baumarten. Die bei uns festgestellten Befallsraten liegen im internationalen Vergleich im Rahmen: Kanada: 26.000 gefällte Bäume, davon 600 ALB befallen: http://www.annualreviews.org/doi/abs/10.1146/annurev-ento-112408-085427, Titel: „Managing Invasive Populations of Asian Longhorned Beetle and Citrus Longhorned Beetle: A Worldwide Perspective“; Kent, UK: etwa 2000 gefällte Bäume, davon etwa 60 befallen, exakten Zahlen stehen auf der Webseite der FERA: http://www.fera.defra.gov.uk/plants/plantHealth/pestsDiseases/asianLonghornBeetle/paddockWoodOutbreak.cfm).

Die fehlende Bereitschaft der Bezirkshauptmannschaft  in Oberösterreich in Gallspach aus den Erfahrungen in Braunau am Inn (Österreich) zu lernen, stößt auch bei den ALB Spezialisten an der BFW in Wien auf absolutes Unverständnis. Die österreichischen ALB-Kollegen besitzen Erfahrungen seit 2001 und haben in Braunau am Inn das Vorgehen sukzessive verschärfen müssen und haben damit schlussendlich Erfolg gehabt. Wir stützten uns auf die Erfahrungen in Braunau am Inn.

Auch in der Schweiz liegt ein Leitfaden für die ALB Ausrottung vor. Dieser besagt ebenfalls als Maßnahme: Fällen von potentiellen Wirtsbaumarten im Umkreis von 100 m. Auf Fällungen kann nur dann verzichtet werden, wenn mit Monitoringverfahren eine Effizienz von 100 % bzw. nahe 100% erreicht werden kann.

Bei der ALB-Bekämpfung in Feldkirchen hat die LfL erstmalig in Deutschland und wohl auch in Europa (in der Schweiz und Großbritannien wurde nur wenige Fallen eingesetzt), massiv Lockstofffallen eingesetzt, um unbemerkte Befallsherde in der Quarantänezone entdecken zu können. Es wurden 2 Käfer gefangen.

Die bei Maßnahmen der ALB-Bekämpfung gewonnenen Erfahrungen fließen auch in Folgemaßnahmen mit ein und sind Bestandteil des wissenschaftlichen Austausch mit Fachkollegen innerhalb Deutschlands und mit anderen Ländern.

Die zeitnahe, transparente Information der Bevölkerung mit gesicherten Fakten ist uns ein besonderes Anliegen. Wir haben dazu in den einzelnen Kommunen eine Vielzahl von Bürgerversammlung zum ALB durchgeführt. Die intensiven Diskussionen haben das Interesse der Bevölkerung deutlich gemacht. Zudem beantworten wir laufend die eingehenden Fragen, die per Telefon oder E-Mail an uns herangetragen werden. Eine Vielzahl von Fragen haben wir zusätzlich bei den FAQ (Häufige Fragen) im Internetangebot exemplarisch beantwortet. Gedrucktes Informationsmaterial ergänzt dieses Angebot und wurde in den Kommunen auch teilweise per Postwurfsendung direkt an die betroffenen Haushalte verteilt.

 

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Frage des BN:

Warum müssen einerseits große gesunde Bäume vorsorglich gefällt werden, gleichzeitig darf aber dieselbe Baumsorte sofort wieder nachgepflanzt werden (Aussage LfL bei der Infoveranstaltung)?

 

Antwort der LfL:

Es gibt kein Pflanzverbot seitens der Allgemeinverfügung. In der Allgemeinverfügung ist jedoch festgelegt, dass neugepflanzte Bäume an der LfL schriftlich angezeigt werden müssen. Wenn Bürger dies tun, werden Sie von uns nochmals auf die Gefahr der Fällung dieser neugepflanzten Bäume in den nachfolgenden Jahren hingewiesen. Auf der Webseite der LfL befindet sich eine Liste mit Baum- und Gehölzarten mit einem sehr geringen Befallsrisiko.

 

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Frage des BN:

Welche Maßnahmen wurden ergriffen, damit kein Baum- und Strauchschnitt unsachgemäß aus der Quarantänezone entfernt wird, um ein weiteres Ausbreiten des Schädlings zu verhindern?

 

Antwort der LfL:

Für Waldperlach liegt jetzt ein mit der Allgemeinverfügung konformer Entsorgungsweg vor, der gestern in der Bürgerversammlung in Waldperlach vorgestellt wurde. Dieser wird über die Presse und durch die Abfallwirtschaft München im Waldperlach bekanntgeben. Von den anderen, innerhalb der Quarantänezone liegenden Gemeinden, liegen der LfL noch keine endgültigen Entsorgungswege vor. Bis dieser zukünftige Entsorgungsweg vorliegt, steht den Bürgern sowie den GaLa-Bau-Firmen eine vorläufige Lösung zur Verfügung. Hier sind Galafirmen und Baumpfleger vom Entsorgungsunternehmen Ganser über eine Notlösung informiert worden. Sobald ein Entsorgungsweg für den Teil der Quarantänezone im Landkreis München vorliegt, wird dieser durch die Gemeindezeitungen und einen Hinweis der LfL bekannt geben.

 

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